GLP-1-Analoga und verwandte inkretinbasierte Arzneimittel haben in nur wenigen Jahren die medizinische Behandlung von Übergewicht und Adipositas deutlich verändert.
Klinische Studien zeigen einen Gewichtsverlust von 15–20 % des Körpergewichts während der aktiven Behandlung. Gleichzeitig zeigen sowohl klinische Erfahrungen als auch Real-World-Daten, dass viele Patient:innen die Therapie abbrechen – häufig bereits im ersten Jahr. Die zentrale Frage ist daher nicht nur, ob Abnehmmedikamente wirken, sondern was passiert, wenn die Behandlung endet.
Basierend auf einem umfassenden systematischen Review und einer Meta-Analyse, veröffentlicht im *The BMJ* (2026), zeigen neue Evidenzen, dass sowohl der Gewichtsverlust als auch kardiometabolische Verbesserungen weitgehend reversibel sind – und dass die Gewichtszunahme nach Absetzen der Medikamente schneller erfolgt als nach verhaltensbasierten Gewichtsreduktionsprogrammen (BWMP). Diese Entwicklung lässt sich nicht allein durch die Höhe des anfänglichen Gewichtsverlustes erklären, sondern deutet darauf hin, dass eine rein pharmakologische Behandlung keine langfristigen Verhaltens- und Selbstregulationskompetenzen etabliert.
NICE hat dokumentiert, dass GLP-1 „nicht für sich allein stehen kann“ und empfiehlt, Abnehmmedikamente nicht als Monotherapie einzusetzen, sondern ausschließlich als Teil eines strukturierten Gewichtsmanagementprogramms. Studien zeigen, dass Total Diet Replacement (TDR) über 8–12 Wochen einen vergleichbaren Gewichtsverlust wie Medikamente erreichen kann – ohne Risiko einer Mangelernährung – und bereits in NHS-Programmen eingesetzt wird.
Warum ist dieses Wissen wichtig?
Übergewicht und Adipositas sind chronische, rezidivierende Erkrankungen, die durch biologische Gegenregulation bei Gewichtsverlust gekennzeichnet sind. Unabhängig von der Behandlungsform werden beim Abnehmen kompensatorische Mechanismen aktiviert – darunter gesteigerter Appetit, verringerter Energieverbrauch und veränderte hormonelle Signalwege.
Abnehmmedikamente reduzieren Hunger und erhöhen das Sättigungsgefühl über zentrale und periphere Mechanismen. Die Wirkung während der aktiven Behandlung ist gut dokumentiert. Allerdings fehlte bislang eine umfassende quantitative Bewertung dessen, was nach dem Absetzen passiert. Frühere Forschung konzentrierte sich vor allem auf die Höhe des Gewichtsverlustes – nicht auf Gewichtsstabilisierung und metabolische Entwicklung nach Therapieende.
Ziel der BMJ-Studie
- Die Geschwindigkeit und das Ausmaß der Gewichtszunahme nach Absetzen von Abnehmmedikamenten quantifizieren
- Veränderungen kardiometabolischer Marker nach Therapieende untersuchen
- Gewichtszunahme nach medikamentöser Therapie mit verhaltensbasierten Programmen vergleichen
- Eine realistischere und evidenzbasierte klinische Beratung unterstützen
Datengrundlage und Studiendesign
Das Review umfasste 37 Studien (63 Interventionsarme) mit insgesamt 9.341 Erwachsenen mit Übergewicht oder Adipositas. Berücksichtigt wurden sowohl ältere Präparate (z. B. Orlistat und Sibutramin) als auch neuere, potentere Inkretin-Mimetika wie Semaglutid und Tirzepatid. Die Teilnehmenden erhielten mindestens 8 Wochen Behandlung und wurden mindestens 4 Wochen nach Absetzen weiterbeobachtet.
Primärer Endpunkt war die Geschwindigkeit der Gewichtszunahme nach Absetzen. Sekundäre Endpunkte umfassten HbA1c, Nüchternglukose, Blutdruck und Lipidprofil. Der Einsatz mehrerer statistischer Modelle stärkt die Validität der Ergebnisse.
Geschwindigkeit und Ausmaß der Gewichtszunahme sowie metabolische Marker
Nach Absetzen von Abnehmmedikamenten zeigt sich eine deutliche und relativ schnelle Gewichtszunahme:
- Dies deutet darauf hin, dass die Medikamente langfristig oder lebenslang eingenommen werden müssten
- Die durchschnittliche Gewichtszunahme beträgt ca. 0,4 kg pro Monat – also 4–5 kg im ersten Jahr
- Das Körpergewicht erreicht nach etwa 1,7 Jahren wieder das Ausgangsniveau
- Bei neueren und potenteren Inkretin-Mimetika (Semaglutid und Tirzepatid) ist die Gewichtszunahme schneller – bis zu 0,8 kg pro Monat – mit Rückkehr zum Ausgangsgewicht nach ca. 1,5 Jahren
- Verbesserungen bei HbA1c, Nüchternglukose, Blutdruck und Lipidprofil nehmen nach dem Absetzen ab und nähern sich innerhalb von ca. 1,4 Jahren wieder dem Ausgangswert an
- Die Gewichtszunahme erfolgt schneller als nach verhaltensbasierten Gewichtsreduktionsprogrammen (BWMP)
In klinischen Studien nehmen Teilnehmende im Durchschnitt innerhalb von etwa 18 Monaten nach dem Absetzen das gesamte verlorene Gewicht wieder zu. Das ist fast viermal schneller als die Gewichtszunahme nach Abschluss von ernährungs- und bewegungsbasierten Programmen. Gleichzeitig gehen die erzielten gesundheitlichen Verbesserungen verloren – Blutdruck, Cholesterin und Blutzucker nähern sich wieder dem Ausgangsniveau an.
Insgesamt deuten die Ergebnisse darauf hin, dass Abnehmmedikamente langfristig oder lebenslang eingesetzt werden müssten, um die Wirkung aufrechtzuerhalten.

Evidenzbasierte Ergebnisse und Behandlungsperspektiven
Im Jahr 2023 lösten etwa 117.500 Erwachsene in Dänemark ein Rezept für Abnehmmedikamente ein – das entspricht rund 2,4 % der erwachsenen Bevölkerung. In Europa liegen die Kosten typischerweise bei etwa 300 € pro Monat ohne öffentliche Erstattung, abhängig von Dosis und Präparat.
Die Gesamtevidenz zeigt, dass Abnehmmedikamente – einschließlich GLP-1-Rezeptoragonisten – während der aktiven Behandlung sehr effektiv sind, sowohl Gewichtsverlust als auch kardiometabolische Verbesserungen jedoch nach Absetzen weitgehend reversibel sind. Die Gewichtszunahme erfolgt schneller als nach verhaltensbasierten Programmen und kann nicht allein durch die Höhe des initialen Gewichtsverlustes erklärt werden.
Das unterstreicht, dass pharmakologische Behandlung biologische Barrieren für Gewichtsverlust reduziert, jedoch nicht automatisch die notwendigen Verhaltens- und Selbstregulationskompetenzen für eine langfristige Gewichtsstabilisierung vermittelt.
NICE empfiehlt ausdrücklich, GLP-1-Rezeptoragonisten nicht als Monotherapie einzusetzen, sondern ausschließlich als Teil eines strukturierten Gewichtsmanagementprogramms. Der NHS bietet Abnehmmedikamente für Patient:innen mit einem BMI über 40 und relevanten Begleiterkrankungen an – basierend auf der Annahme von etwa zwei Jahren Behandlung und einer graduellen Gewichtszunahme danach. Neue Daten zeigen jedoch, dass mehr als 50 % die Behandlung innerhalb eines Jahres beenden und das Gewicht im Durchschnitt nach etwa 18 Monaten wieder erreicht wird – was die gesundheitsökonomischen Annahmen deutlich verändert.
Gleichzeitig zeigt die Evidenz, dass Total-Diet-Replacement-Programme über 8–12 Wochen einen vergleichbaren Gewichtsverlust wie Medikamente erzielen und Mangelernährung vorbeugen können. Diese Programme sind deutlich kostengünstiger und bereits in strukturierte Behandlungswege integriert – was sie zu einer wirtschaftlicheren und skalierbaren Lösung im NHS-Rahmen macht.
In diesem Behandlungskonzept spielt die klinische Ernährungsfachkraft eine Schlüsselrolle. Durch individualisierte Ernährungstherapie, strukturierte Mahlzeitenplanung und gezielte Arbeit an Verhalten und Selbstregulation kann medikamentös induzierter Gewichtsverlust in Gewichtsstabilität und nachhaltige Lebensstilveränderungen überführt werden.
Die Evidenz zeigt eindeutig: Wenn das Gewicht gehalten werden soll, müssen Abnehmmedikamente langfristig oder lebenslang eingenommen werden. GLP-1-Rezeptoragonisten sollten als integriertes Instrument in einer langfristigen, multidisziplinären Behandlung eingesetzt werden – nicht als isolierte Maßnahme – denn Abnehmmedikamente „können nicht allein stehen“.
Quellen:
- The BMJ. Weight regain and cardiometabolic changes after stopping weight-loss medication: a systematic review and meta-analysis. BMJ. 2025.
- Dobbie LJ, Parretti HM, Fallows E, Le Brocq S, et al.
Ten Top Tips for the Management of GLP-1 Receptor Agonists in Adults within Primary Care. Obesity Facts. 2025. - Møller FS, Hegelund ER. *Who uses weight loss medicines in Denmark?
Statistik Danmark.